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Belastung oder Chance?

Angenommen, in Ihrer Familie braucht ein Angehöriger immer mehr Betreuung, Begleitung oder Pflege aufgrund einer plötzlichen Erkrankung, eines Unfalls oder einer voranschreitenden Demenz. Dies erfordert Maßnahmen, die über die Normalität hinausgehen.
Im Idealfall suchen alle Beteiligten frühzeitig das offene Gespräch. Das ist leider nur allzu selten und wäre doch so notwendig. Noch im Vorfeld der Betreuung und Pflege wäre es sehr ratsam und klug, wenn der Einzelne schon ausgesprochen hätte, wozu er bereit und in der Lage ist, welche Grenzen und Erwartungen es gibt und welche Ängste und Hoffnungen. Bei konfliktreichen Beziehungen ist es gut, eine neutrale dritte Person zu Gesprächen und Vereinbarungen hinzuziehen. Dies kann jemand vom Sozial- und Gesundheitssprengel sein, der Hausarzt oder professionelle Hilfe eines Mediators, zum Beispiel vom Roten Kreuz. Optimal ist Klarheit im Vorfeld. Aber auch wenn unerwartet Maßnahmen notwendig werden, ist es wichtig, mit allen Beteiligten eine offene Aussprache zu führen, um leichter Hilfe zu übernehmen, aufzuteilen und zu organisieren.

Pflegende müssen für sich Antworten finden

Alle Betroffenen müssen an einen Tisch. Dabei ist nicht nur zu klären, wie sie helfen können. Es sind auch noch folgende Fragen zu beantworten:
Wie gut kann ich Hilfe annehmen und mir helfen lassen? Schaff ich es, mir Unterstützung ins Haus zu holen, oder fürchte ich die Bemerkungen der Nachbarn oder vielleicht sogar die der Geschwister?
Kann ich mich unabhängig machen vom Gerede im Ort, oder habe ich Angst, dass ich als schlechte (Schwieger)Tochter die Kritik oder Missachtung der Mitmenschen spüre?

Während der Pflege Gesundheit, Urlaub und Freunde nicht vernachlässigen

Weiß ich, wie wichtig es ist, dass ich "gut beisammen bin". Schaue ich dementsprechend auf meine Gesundheit? Auf meine Pausen? Auf meine Ressourcen? Mache ich Urlaub, um wieder Kräfte zu sammeln und "mute" meinem Angehörigen eine Vertretung oder sogar einen vorübergehenden Ortswechsel zu? Was tue ich für mich, um aufzutanken? Versuche ich trotz allem, meine Freunde und Bekannten nicht zu vernachlässigen? Nur wenn es mir gut geht, geht es den anderen mit mir gut. Scheue ich mich nicht, um den vorgesehenen Beitrag zur Betreuung und Pflege, das Pflegegeld anzusuchen? Manch einem bleibt nur der verzweifelte Ausweg, selbst krank zu werden, um seiner Überforderung zu entkommen. Krankheit befreit ohne Schuldgefühle.

Burnout durch rund um die Uhr Pflege kommt schleichend

Mit diesen Fragen möchte ich keineswegs die Leistung und oft notwendige Hingabe einer "rund um die Uhr Pflege" schmälern. Aber die Erfahrungen zeigen, dass Pflegende häufig vergessen, auf sich selbst zu schauen. Ungewollte Zusammenbrüche durch Überforderung können folgen. Burnout beginnt schleichend und unbemerkt und ist eine häufige Folge jahrelanger, idealistischer, hingebungsvoller Pflege. Kann ich die Betreuung noch mit ganzem Herzen leisten oder wird sie mir zur Mühsal oder Qual? Der zu Pflegende wird dies immer spüren und es macht mehr Sinn, mich zurückzunehmen und über andere Lösungen nachzudenken. Wenn die Liebe der Ohnmacht oder vielleicht der Wut weicht, ist der Schritt zur Gewalt oftmals sehr klein. Die Beziehung zueinander kann erst wieder in einer veränderten Situation etwa im Altenheim zurück gewonnen werden - manchmal aber gar nicht mehr. Oder ist es, wie leider so oft , die Gelegenheit, offene Rechnungen zu begleichen? Auch dabei passiert viel Leid. Es liegt an uns allen, betreuende und pflegende Angehörige vor einem Dilemma zu bewahren, indem wir jede Entscheidung, die diese fällen, als die, für den Betroffenen richtige, zur Kenntnis nehmen, ohne zu werten oder zu (ver)urteilen.

Bedürfnisse der zu Pflegenden respektieren

Die Bedürfnisse des zu betreuenden oder zu pflegenden alten Menschen - auch wenn seine geistigen Fähigkeiten abnehmen - unterscheiden sich in keiner Weise von den Bedürfnissen gesunder Menschen. Diese können in das Bedürfnis zu leben, zu lieben, zu lernen und ein Vermächtnis zu hinterlassen geordnet werden.

Gebraucht zu werden ist Lebensmotor

In das Bedürfnis zu leben gehören:
  • Ich möchte ernst- und wahrgenommen sein, meine Autonomie (Selbstbestimmung) leben, meinen Raum haben, mit meiner Zeit umgehen können.
  • Vertrautes oder Gewohntes weiterhin tun können und dadurch noch gebraucht zu werden und nützlich zu sein, ist ein nicht zu unterschätzender Lebensmotor.
Werden diese Bedürfnisse nicht befriedigt, kommt es zu Aggressionen, Verstummen, Resignation, Abwehrverhalten oder Konflikten. Eine Gratwanderung besonderer Art ist es, wenn eine demenzielle Erkrankung beginnt. Wie weit ist es noch möglich, ihm die Verantwortung für verschiedene vertraute Handlungen zu überlassen oder muss ich beim Einheizen fürchten, dass unsachgemäßes Handeln zur Gefährdung für alle wird?

Liebe und Achtung gegenüber dem anderen

Zum Bedürfnis zu lieben gehört der absolute Wunsch, fähig sein zu lieben und auch geliebt zu werden, zu verstehen und verstanden zu werden. Eingebettet zu sein in das vertraute soziale Netz der mir angehörenden Menschen, meiner Freunde, Nachbarn und Bekannten. Der alte Mensch spürt, ob er einen Stellenwert hat oder ob er nur als mühsames Anhängsel gesehen und empfunden wird. Geliebt und geachtet und auch bei abnehmenden geistigen Fähigkeiten in Würde betreut und gepflegt zu werden, ist wohl der Wunsch jedes Menschen. Gerade der jüngeren Generation gegenüber ist unser Verhalten zu den schwieriger werdenden Alten beispielgebend. Dieses Bedürfnis geachtet zu werden und Anerkennung zu bekommen, gilt in besonderem Maß auch für denjenigen, der die Betreuung oder Pflege übernommen hat. Er braucht die Anerkennung und Wertschätzung seiner Familie oder Umgebung in besonderem Maß. Fehlt diese, so wird er umso leichter ins Burnout rutschen.

Lebensernte einfahren

Das Bedürfnis zu lernen ist im Alter selten eine Anreicherung von Wissen. Es ist der Wunsch, sich auch jetzt noch weiterzuentwickeln. Vielleicht könnte man sagen, das Leben zu einer Abrundung zu bringen.
  • Vergangenes anzuerkennen und abzuschließen.
  • Neues in den Gedanken zuzulassen und zu bejahen.
  • Interesse zu entwickeln oder zu behalten und ein Stück weit eine Lebensernte einzufahren.
  • Zu verzeihen - auch sich selber und von anderen verziehen zu bekommen.
Spreu vom Weizen zu trennen ist Teil des Bedürfnisses zu lernen und zu wissen, was gut und was weniger gut war.

Frieden mit sich und den anderen schließen

Das Bedürfnis, ein Vermächtnis zu hinterlassen, kann man mit dem Bedürfnis nach Spiritualität beschreiben. Dazu zählt das Wissen, ein Teil eines großen Ganzen - der Schöpfung - zu sein, Kind Gottes zu sein und mit der eigenen Arbeit einen Beitrag zu diesem Ganzen geleistet zu haben. Es ist auch das Bedürfnis in Frieden mit meinen Angehörigen, und mit meinem Gott eines Tages gehen zu können.

Ja sagen zur Pflege und daran reifen

All diese Bedürfnisse, die der zu Pflegende hat, sind die gleichen, die auch wir haben. Auch wir wollen leben, lieben, lernen und eine Vermächtnis hinterlassen. Wir selber müssen lernen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen. Wir müssen lernen, in uns hineinzuhorchen, was uns gut tut, wo unsere Grenzen sind. Wenn es uns gelingt, ja zu sagen zur Begleitung bis hin zum Lebensende, trotz, oder mit allen Belastungen und Einschränkungen, dann kann dieser Weg viel Schönes bereithalten. Auseinandersetzung mit unserer Endlichkeit und damit ein Reifen für uns selbst .

Hilfe für pflegende Angehörige

Bäuerliches Sorgentelefon
Telefonische Beratung für alle Sorgen, Ängste, Nöte und Fragen. Vertraulich, anonym, kompetent, verschwiegen. Erreichbar zum Ortstarif, Montag bis Freitag von 8.30-12.30 Uhr. Tel. 0810 676 810
 
Erholungsaufenthalte für pflegende Angehörige
Zweiwöchige Aufenthalte der SVB für körperliche und seelische Erholung. Dazu gibt es Tipps für die oft körperlich und psychisch belastende Arbeit. Informationen unter Tel. 01 797 06 oder www.svb.at
 
Vorsorgeratgeber: Schicksalsschläge in bäuerlichen Familien
Ein plötzlicher Schicksalsschlag, wie Unfall oder Todesfall, kann jede Familie treffen. Der Vorsorgeratgeber gibt einen Überblick, was zu tun ist, um für den Fall der Fälle gut gerüstet zu sein.
Erhältlich unter Tel. 05 0259 25000 oder betriebswirtschaft@lk-noe.at
05.12.2011
Autor:DSA Felicitas Sarnthein
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